Donnerstag, 5. November 2020

Keine Krimivorstellung! 

Wahrscheinlich auch keine Weihnachtslesung,  jedenfalls nicht so, wie es immer war.
Deshalb  haben wir uns gedacht, Sie wenigstens literarisch in die Welt des gemeinsamen Feierns, Essens und Genießens zu entführen – so wie es sein könnte und hoffentlich  wieder sein wird.

„Abends in der Küche stehend, versuchte sich Kauz ganz aufs Kochen zu konzentrieren.  Bedächtig schnitt er die zwei Paprikahälften, eine rote und eine gelbe, die er zuvor mit dem Sparschäler geschält hatte, in linsengroße Würfel. Es war eine beinahe meditative Tätigkeit. Alle paar Augenblicke legte er, ohne aus dem Rhythmus zu geraten, das Messer nieder und rührte im Risotto, der bereits auf dem Herd stand und vor sich hin simmerte. Die bunten Würfelchen briet er in der Bratpfanne sorgfältig in etwas Olivenöl an und stellte sie beiseite. Die Hälfte davon würde er in den halbfertigen Risotto geben und eine Weile mitköcheln, die andere Hälfte noch knackig über das fertige Gericht geben. Die Zucchini würfelte er etwas größer, briet die Würfel separat an, würzte sie ausgiebig mit italienischen Kräutern und stellte sie ebenfalls beiseite, um sie unter den Reis zu heben, kurz bevor er den Parmesan dazu gab. Auch ein paar der grün-weißen Zucchiniwürfel gehörten aufgespart und vor dem Servieren über den Risotto gestreut. Der Gemüserisotto gelang perfekt.
Es war auch fürs Auge eine Freude. Kauz war mit sich zufrieden:
Endlich kochte er wieder anständig. Er öffnete eine Flasche Merlot und goss sich ein Glas ein. Dann setzte er sich mit dem Essen an den Küchentisch und versuchte, den Abend zu genießen.“
Kaspar Wolfensberger „Gommer Sommer“

„Einen Calvados für alle?“, fragte er und zog seine Pfeife aus der Tasche, als die Kellnerin in weißer Schürze den Kaffee brachte. Während des Essens hatte ihn Madame Maigret zweimal mit leiser Rührung betrachtet, das erste Mal, als er gebratene Gründlinge, das zweite Mal, als er gegrillte Andouillette mit Pommes frites bestellt hatte.
Sie hatte das Restaurant gleich wiedererkannt, das sie seit zwanzig Jahren nicht betreten hatten und in dem sie insgesamt nur zweimal gewesen waren. Es hieß immer noch Chez le Père Jules. Die Tische waren allerdings nicht mehr aus Holz, sondern aus grellbuntem Plastik, und auch die Bar drinnen war modernisiert worden.
Bemerkenswert war, dass Père Jules das Lokal immer noch selbst führte und anscheinend nicht älter geworden war, so dass er mit seinem weißen Haarschopf wie ein Statist mit Perücke aussah.
Georges Simenon „Maigret amüsiert sich“